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Alfredo Jaar

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Das rote Wien

>04.08.–11.09.2004
Installationsansicht, Alfredo Jaar, »Das rote Wien«, 2004, © FOTOHOF

Der 1956 in Santiago de Chile geborene Künstler, Architekt und Filmemacher Alfredo Jaar greift in seiner neuesten Fotoarbeit die prägende Umbruchsphase in der politischen Entwicklung der Stadt Wien vor dem Bürgerkrieg 1934 auf. Jaar verfolgte die Spuren der fortschrittlichen Architektur Wiens in der Zwischenkriegszeit und transferierte seine fotografischen Dokumente in die mehrteilige, überarbeitete Fotoserie »Das Rote Wien«. Die Fotografien entstanden bei seinem ersten Wienbesuch Mitte der 80er Jahre und wurden für diese Ausstellung mit Bezug auf die aktuelle politische Lage ausgearbeitet und werden nun im FOTOHOF erstmals präsentiert.
Die außergewöhnliche Initiative der Stadt Wien bot neben der Schaffung von attraktivem Wohnraum auch ein breites Angebot an Infrastruktur sowohl für den täglichen Bedarf als auch an kollektiven Einrichtungen, wie z. B. Kindergärten, Bibliotheken, Theatern, usw. Dem Proletariat wurde von der Stadt Wien ein einheitliches Lebenskonzept angeboten, eine Geste der Menschenwürde und der kollektiven Verantwortung. Als 1934 Schüsse auf den Karl-Marx-Hof und andere Wohnanlagen abgefeuert wurden, bedeutete dies auch den Beginn der Zerstörung einer Idee, von dem die Gebäude heute noch stehen. Alfredo Jaar sieht sich selbst als »… Künstler, der den Stand der Dinge, den Zustand der Welt kommentiert«.

Alfredo Jaar, »Untitled«, 1988/2004, Inkjet-Print, 45,5 x 30,5 cm
Alfredo Jaar, »Untitled«, 1988/2004, Inkjet-Print, 45,5 x 30,5 cm

Anmerkungen zu Das Rote Wien

Mitte der achtziger Jahre, als ich zum erstenmal nach Wien reiste, begann ich »Das rote Wien« zu besuchen und zu fotografieren. Als Architekt und Künstler hat mich nach der Entdeckung der ersten Gebäude »Das rote Wien« sofort in seinen Bann gezogen. In stunden- und tagelangen Spaziergängen, auf der Suche nach seinen Spuren, war ich beeindruckt von dessen Aktualität und bewegt davon, wieviel noch überlebt hatte.
»Das rote Wien« war eine der ungewöhnlichsten urbanen Siedlungsinitiativen der Welt, entstanden in einer vornehmlich anti-sozialistischen Zeit und einem politisch-konservativen Klima. Es war ein eindeutiges, klares Beispiel einer architektonischen Reform durch politische Initiativen, ein kräftiges Zeichen von Architektur als ein sozialer, politischer, kultureller und kollektiver Diskurs. Diese aussergewöhnliche Siedelungspolitik »befreite« tausende von Menschen, nicht nur durch hunderte von Neubauten sondern auch mit Infrastuktur eines bürgerlichen Lebens wie Kindergärten, Bibliotheken, Krankenhäuser und Theater, sowie zahlreichen anderen öffentlichen Einrichtungen. Somit bot die Stadt Wien ihrer proletarischen Bevölkerung eine einzigartige Perspektive, ein Geste gefüllt mit menschlicher Würde und öffentlicher Verantwortung. Als reaktionäre Kräfte im Februar 1934 auf den Karl-Marx-Hof und andere Gemeindebauten feuerten, waren sie dabei, auch eine Vision zu zerstören. Sie waren erfolgreich, doch die Gebäude überlebten. Und mit ihrem Überleben haben sich auch die aussergewöhnlichen Gedanken, die zu ihrem Entstehen führten, erhalten. In der Zeit einer hemmungslosen freien Marktwirtschaft und verschwenderisch gegenstandsloser architektonischer Gebärden, sind die aussergewöhnlichen sozialistischen Errungenschaften dieses Zeitraums eine rechtzeitige Errinerung, dass Architektur gesteuert von progressiver Politik, zu einem fundamentalen Werkzeug sozialen Fortschritts werden kann. (Alfredo Jaar)

Alfredo Jaar, »Untitled«, 1988/2004, Inkjet-Print, 30,5 x 45,5 cm
In Kooperation mit Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg