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Joachim Schmid

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Other People’s Photographs

>07.10.–19.11.2011

Zwischen 2008 und 2011 stellte Joachim Schmid eine Serie von 96 Print-on-demand-Büchern mit Amateurbildern aus verschiedensten Bereichen des Alltagslebens zusammen. Bilder aus Fotonetzwerken wie z. B. Flickr wurden in einem Archiv von zeitgenössischer »Knipserfotografie« im Zeitalter von digitaler Technik und online Fotoverwaltung angelegt. Jedes Buch behandelt ein spezielles Genre und verdeutlicht wiederkehrende Muster in der Populärfotografie. Das Konzept folgt einem enzyklopädischen Ansatz, der endlos ausweitbar ist. Die Auswahl ist weder systematisch noch folgt sie einem bereits verbürgten Konzept. Die Grundstruktur des Archivs spiegelt den heute üblichen Umgang mit Bildern facettenreich und widersprüchlich nach dem Motto »beobachte und entdecke«.

Joachim Schmid, »Flashings«, aus der Serie: »Other People ́s Photographs«, 2011

Anmerkungen zum Einfluss des World Wide Web auf die Fotografie

»Schreib etwas…« fordert mich Facebook auf, die Kommunikation mit einer neuen Freundin zu starten. »Was machst du gerade?« Ich scrolle über die Fotos der letzten 27 Events und Nicht-Events meiner neuen Freundin. »Schreib einen Kommentar…«, werde ich wieder aufgefordert, während ich die Alben ihrer Freundesfreunde überfliege. »Gefällt mir« kommentiere ich.
Was bringt das www der Fotografie? – Ein neues Kapitel in der Geschichte der Amateurfotografie inklusive endloser Ressourcen zur Veröffentlichung, eine Imagebank ohne Ende, die zur Aneignung ohne Ende anregt, schlecht aufgelöste Bilder – die meisten davon immateriell und ohne redaktionelle Betreuung, den lückenlosen Blick von oben auf unsere Welt und in unsere Gärten – Wie folgenlos ist das Internet noch für die Fotografie?
Die Ausgangsituation ist eine ungebremste Masse an (vor allem privaten) Bildern, eine zunehmende flächendeckende geografische Erfassung der Welt und die Erfassung ihrer Bewohnen (auf der einen Seite von Ämtern gespeiste Datenbanken, auf der anderen Seite eine Erfassung der Internetuser (»alles, was du über Joachim Schmid wissen musst…«; Freundschaftsvorschläge aufgrund von Email-Adressen), kürzeste Übertragungs- und Veröffentlichungszeiten, ständige Verfügbarkeit, neue Bildgenres, neue ästhetische Momente und die Frage nach dem Betrachter – wer sind die, die unser Bilder sehen? (Ruth Horak)

Joachim Schmid, »The Picture«, aus der Serie: »Other People ́s Photographs«, 2011

Aneignung und Verweigerung

Eine naheliegende Reaktion auf die Bilderinvasion im Netz ist die Aneignung des zirkulierenden Bildmaterials auf der einen bzw. die Verweigerung (von Masse und Kurzfristigkeit) auf der anderen Seite. Konsument statt Produzent: Bilder sichten und auswählen steht am Beginn dieses Prozesses. Runterladen, speichern, bearbeiten. Eine logische Konsequenz der Aneignung ist die Serie – 96 Bücher hat Joachim Schmid gemacht, Thomas Ruff 149 Nudes, Herwig Kempinger eine nach oben offene Anzahl von Baustellen.
Zur Serialität kommt oft eine betont langsame, ausführliche und analoge Ausführung als Gegenmaßnahme zum immateriellen und dauerverfügbaren Netzbild: das alte Format »Buch«, der großformatige gerahmte Print oder das Aquarell. Teil der Aneignung ist auch das Zitieren der Ästhetik, die die neuen Kommunikationsmittel mit sich bringen, die Ästhetik der geringen Auflösung: Unschärfe, Pixel, Ascii-Code, kleine Bildformate (in Anlehnung an die Thumbnails), oder neue Textsorten (auf der Basis eines Email-Konversation etwa) … umgekehrt trifft man auf Tools, die mit Begriffen aus dem analogen Zeitalter wie »Diashow« und »Fotoalbum« belegt sind.
Schließlich stehen wieder uneingeschränkte Möglichkeiten der Veröffentlichung zur Verfügung: Was bis vor kurzem mit großem Aufwand geschehen musste (Bewerbung, redaktionelle Auswahl, Druck etc.) trifft heute auf eine Vielzahl an Möglichkeiten – was einerseits den Vorteil des Demokratischen bringt, andererseits bleibt vieles ohne Selektion und trifft auf die kritiklosen Kommentare von Mittätern. Wo immer es nur irgendwie Sinn macht, sind Artikel und Bilder mit dem Aufruf zu kommentieren getaggt. Auffällig ist, dass die Kommentare auf geschriebene Artikel (in der Tagespresse etwa) weit differenzierter, informativer und seriöser sind als auf Bildmaterial – Sprache reagiert auf Sprache besser? während der ständige Aufruf zur Aktivität – »Schreib etwas« in Bezug auf Bilder in ganz vielen Fällen nicht mehr als »Gefällt mir« bringt oder – etwas begeisterter: »Amazing pic!« (Ruth Horak)