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Time & Again

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Dasha Karetnikova, Eugenia Maximova, Nastassja Nefjodov, Fungi Phuong Tran Minh

>07.10.–29.11.2025
Installationsansicht »Time & Again«, 2025 © Andrew Phelps

Die Ausstellung »Time & Again« führt vier autobiografische Erzählungen zusammen, die von politischen Entscheidungen, gesellschaftlichen Machtverhältnissen und historischen Umbrüchen geprägt sind. Recherchen führen die Fotografinnen zurück an die Orte der Erinnerung; sie dokumentieren Spuren, die von Gewalt, Unterdrückung und sozialer Ungerechtigkeit bleiben. So entstehen mediale Räume, die nicht nur von persönlichen Schicksalen erzählen. Sie thematisieren auch die Folgen ausgeübter Macht und systemischer Gewalt, die sich ins Private einschreiben. Der Titel »Time & Again« verweist auf Wiederholungen, in Biografien ebenso wie in kollektiven Erfahrungen, auf wiederkehrende Formen von Missbrauch, sozialer Ungerechtigkeit sowie auf transgenerational weitergegebene Traumata. Die gezeigten Arbeiten sind zusammengesetzt wie Einstellungen aus einem Roadmovie. Alltägliche Szenen, eine scheinbare Rückkehr zur Normalität, liegen wie ein nur dünner Film über den Ereignissen der Vergangenheit, die an jedem Moment wieder hervorbrechen könnte.

Fungi Phuong Tran Minh

In ihrer Fotoserie »Mein ferner Osten« begibt sich Fungi Phuong Tran Minh auf eine persönliche Spurensuche: Sie folgt der Geschichte ihrer Eltern, die in den 1980er Jahren als vietnamesische Vertragsarbeiter:innen in die Deutsche Demokratische Republik kamen. Nachdem ihr Vater bereits in einer Fabrik in Egeln tätig war, folgte sie ihm gemeinsam mit ihrer Mutter und Schwester nach. Kurz darauf zerbrach die DDR, ein politischer wie gesellschaftlicher Umbruch, der die Familie in weiterer Folge mit Rassismus und Ausgrenzung konfrontierte.
Fungi Phuong Tran Minh besucht mit ihrer Mutter jene Orte, an welchen die Familie gelebt hat. In den Fotografien dieser Serie werden Fragmente von Vergangenheit sichtbar. Eine geschlossene Eisdiele, ein alter Trabant, eine offene Baustelle. Diese Bilder zeigen nicht alleine den gegenwärtigen Zustand jener Orte, sondern sollen Einblick in die Gefühlswelt ihrer Autorin geben. Diesen Bildern stellt sie Texte zur Seite, die in ihrer Klarheit wie Gegenpole scheinen, zu den epischen Erzählungen, die ihre Fotografien andeuten. Sie spricht darin über ihr gespaltenes Verhältnis zu Begriffen wie Identität, nationaler Zugehörigkeit und Heimat: »Heimat hört sich für mich an wie die vietnamesischen Begriffe ›hai mat‹ (zwei Gesichter) oder ›hai mat‹ (zwei Augen) – und genau so werde ich gesehen oder sehe ich die Welt.« F. P. T. M.

Fungi Phuong Tran Minh, »Trabant, Sachsen-Anhalt«, aus der Serie: »Mein ferner Osten«, 2020–2021

Dasha Karetnikova

Der Titel der Arbeit »Motherland hears, Motherland knows« von Dasha Karetnikova bezieht sich auf den Namen und die erste Zeile eines Liedes, das der Vater der Künstlerin als Mitglied eines sowjetischen Knabenchors vor Josef Stalin singen musste. Dashas Vater Georgiy Karetnikov wurde 1938 im sogenannten »ALZhIR«, dem Akmola Lager für Frauen von »Vaterlandsverrätern«, in Kasachstan geboren. Das Zwangsarbeitslager war Teil des, in den 1930er Jahren unter Stalin errichteten, sowjetischen Gulag-Archipels. Dasha Karetnikovas Großmutter, Olga Galperina, war bereits schwanger als sie 1938 in Moskau verhaftet in dieses Lager im Norden Kasachstans gebracht wurde. Die in den Lagern geborenen Kinder wuchsen, getrennt von ihren Eltern, in weitgehender Isolation auf. Auf seine Mutter traf Georgiy Karetnikov zum ersten Mal im Alter von acht Jahren, nachdem er das Lager verlassen durfte.
»Motherland hears, Motherland knows« verbindet Fotografien aus Kasachstan, Georgien und Russland mit einer Sammlung von Archivmaterialien, die mehrere Reisen dokumentieren, welche die Künstlerin, mit ihrem Vater in den Jahren 2019 bis 2023 unternommen hat. Sie besuchten jene Orte, in denen Georgiy Karetnikov während und nach seiner Gefangenschaft gelebt hat. Gemeinsam unternahmen sie den Versuch, Klarheit über die traumatisierende Geschichte seiner Kindheit zu erlangen. Zentrale Fragen zu den Vorzeichen seiner Biografie bleiben allerdings auch nach seinem Tod 2024 weiter unbeantwortet. So ist der Grund für die Verhaftung seiner Mutter Olga Galperina bis heute für ihn unbekannt. Eine kaum zu glaubende Wiederholung von Geschichte setzt zum Ende des Lebens von Georgiy Karetnikov ein, als er im hohen Alter erneut von staatlichen Behörden verfolgt wurde.
Die Publikation »Motherland hears, Motherland knows« (FOTOHOF>EDITION, 2025) wurde freundlicherweise unterstützt vom »Artist Solidarity Program Europe« des Bundesministeriums für Europäische und internationale Angelegenheiten der Republik Österreich sowie dem Dialog Büro Wien. Besonderer Dank gilt dabei Dr. Helga Rabl-Stadler, Simon Mraz sowie Personen, welche an dieser Stelle nicht namentlich genannt werden wollen.

Dasha Karetnikova, »Dolinka«, aus der Serie: »Motherland hears, Motherland knows«, 2019–2023

Nastassja Nefjodov

In »Why being quiet is so loud« begleitet Nastassja Nefjodov ihren Partner Dejan während seiner Trauma-Therapie und zeichnet seine Gedanken, Erinnerungen und Gefühle auf. Am 30. Juni 1991 begann er im Alter von 19 Jahren seinen Militärdienst in der jugoslawischen Volksarmee. Kurz darauf eskalierte der Konflikt in der Region zu einem offenen Krieg. Sein Militärdienst war nun keine Vorbereitung mehr, sondern wurde Realität. Traumatisiert kehrte er 1992 nach Belgrad zurück.
In ihrer multimedialen Arbeit denkt Nastassja Nefjodov darüber nach, was es bedeutet, den persönlichen Raum mit dem Trauma eines geliebten Menschen zu teilen und benutzt die Kamera, um die dadurch entstehende Distanz zu überbrücken. Für Nastassja Nefjodov ist es eine Reflexion über einen schweren Heilungsprozess. Der Film ist Teil einer größeren Installation mit dem gleichen Titel, welche sich mit Nastassja Nefjodovs Familiengeschichte und den dauerhaften Auswirkungen von Kriegstraumata beschäftigt: »My family collects stories of war and I seem to continue to do so as well. I decided to share these vulnerable stories. I believe that this act not only fosters personal healing but also contributes to the healing journeys of others, breaking cycles of pain and violence.« N. N.

Nastassja Nefjodov, »Dejan and I«, 2021, aus der Serie: »why being quiet is so loud«

Eugenia Maximova

Am 6. Oktober 2018 wurde die 30-jährige Fernsehjournalistin Victoria Marinova in der bulgarischen Stadt Ruse brutal vergewaltigt und ermordet. In ihrem Sender TVN Television in Ruse gab sie unter anderem investigativen Journalist:innen eine Bühne. Ihr gewaltsamer Tod warf ein grelles Schlaglicht nicht nur auf weit verbreitete Korruption, sondern auch auf die unsicheren Arbeitsbedingungen für Reporter:innen, die darüber berichteten. Weltweit nahmen Medien Anteil, eine allgemeine Diskussion über die Pressefreiheit in Bulgarien begann. Die Debatte verstummte abrupt, als nach etwa 48 Stunden ein 21-jähriger Mann mit Roma-Abstammung als Täter verhaftet wurde. Doch wenige glaubten an eine schnelle und glaubwürdige Lösung des Kriminalfalls. Mit einem künstlerischen sowie dokumentarischen Ansatz hinterfragt die in Wien lebende Fotografin Eugenia Maximova dieses bequeme Schweigen. Darüber hinaus befasst sie sich mit den emotionalen Auswirkungen, da Maximova auch persönlich betroffen ist: Die ermordete Journalistin war ihre Schwägerin und Freundin.
»Silent River« wirft Fragen auf und gleichzeitig dokumentiert das Projekt eine persönliche Reise durch Trauer und Verlust, Wut und Verzweiflung. Eugenia Maximova fängt elegische Ansichten der Stadt ein, leere Räume, von denen viele zwar trostlos, aber dennoch nicht ohne Schönheit sind. Das Projekt versucht, eine subjektive Topografie des Mordes zu entwerfen, indem es nicht nur einer, sondern zwei Spuren folgt: der von Victoria Marinova und der ihres mutmaßlichen Mörders, die sich beide durch die postkommunistische Stadtlandschaft bewegen, bis sich ihre Wege am Ufer der Donau kreuzen. Bei alledem entsteht auch eine dritte Spur: die der Künstlerin selbst.

Eugenia Maximova, aus: »Silent River«, FOTOHOF>EDITION 2023