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Oswald Wiener

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Oswald Wiener

>03.02.–25.03.2023
Installationsansicht, Oswald Wiener, »4./5. Oktober 2003 daheim Fotografien«, 2023, © Rainer Iglar

Als der Schriftsteller Oswald Wiener mit seiner Frau Ingrid 1984 nach Dawson City in Kanada zog, war das ein weiterer Akt seiner Suche nach Erkenntnis. In einem anderen Kontext würde man davon sprechen, wie er und seine Frau Ingrid damit die Grenzen von Kunst und Leben ausloteten. Er selbst meinte, nach dem epochalen Werk »die verbesserung von mitteleuropa, roman«¹ die Kunst hinter sich gelassen zu haben. Erste Expeditionen nach Island Ende der 1970er Jahre und die Übersiedlung in die kanadische Wildnis waren ein Teil davon, ein starkes Statement weg vom herkömmlichen, wenn auch »avantgardistischen« Kulturbetrieb, im klaren Bewusstsein, diesem ohnehin nicht entkommen zu können. Neben dem brennenden Interesse an den Extremen von Natur und Klima in der Nähe des Polarkreises, an außergewöhnlichen zivilisatorischen und gesellschaftlichen Umständen in einem ungewöhnlich prominenten historischen Kontext, diente dieses Experiment dazu, Grenzen des eigenen Handelns zu verschieben und zu erweiterten oder auch immer wieder zu überprüfen. Die arktische Tundra und die subarktischen Wälder wurden zum Schauplatz eines Lebensexperiments am Rande einer inzwischen globalen Kultur. Dawson City war dafür eben prädestiniert. In dieser Umgebung wurden die Lebensumgebungen, das Wohnen und das Arbeiten, ein Haus im Wald, dem von ihnen betriebenen Claims-Café – einem Restaurant mit Wiener Schnitzel und Apfelstrudel und der einzigen italienischen Espresso-Maschine auf einem Territorium von der Größe der Bundesrepublik – zu Stätten der Selbstbeobachtung und damit einer Praxis des Denkens jenseits von Kunst, Wissenschaft und Philosophie

Oswald Wiener, aus der Mappe: »Os-Raum-Bereitschaftstisch-Außen«, aus der Serie: »4./5. Oktober 2003 daheim«, 2003, C-Print, 30,3 x 44,8 cm, Courtesy CFA - Contemporary Fine Arts, Berlin

Als sich der langjährige Aufenthalt Anfang der 2000er Jahre dem Ende zuneigte, die Zeiten, die sie in Europa verbrachten immer länger wurden, und sich erneut die Interessen verschoben, entstand offensichtlich das Bedürfnis, den innersten Ort des Wirkens und der langen Refexionen abzubilden. Das Haus wurde von innen ausführlich, und eher spärlich außen, in über 300 Fotografien festgehalten und damit gleichsam vermessen. Es zeigt die alltägliche Lebens- und Arbeitsumgebung des Paares, Ingrids Webstuhl ist ebenso Teil davon wie Oswalds Bücher und die Schallplatten der beiden. Die Bilder gehen aber weit darüber hinaus und können als Dokument eines Denk- und Wahrnehmungsraumes gelesen werden – als eine Welt für sich in ihrer faktischen Gültigkeit. Damit mögen wir dieses Unterfangen in einer Reihe von Versuchen verstehen, das Bewusstsein räumlich zu begreifen und so der Reflexion einen sehr persönlichen Ort zu geben. Dabei handelt es sich um eine Betrachtung des vorliegenden Fotokompendiums von Außen – erst einmal auch ohne im Detail auf Wieners Denkphilosophie einzugehen – als ein künstlerisches Phänomen. Eine posthume Betrachtung, zu dem er im Umgang mit diesen Fotos Anlass gibt. Diese Dokumentation besteht aus Abzügen, die Oswald Wiener zu Lebzeiten angefertigt hat, die er ausstellte und die einer Ordnung unterworfen wurden. Einzelne Fotos wurden auch – gleichsam als seine Kunstwerke – zu besonderen Gelegenheiten verschenkt. So macht es durchaus Sinn, diese posthum einer umfassenden Ausstellung zuzuführen und damit in einen größeren Kontext zu bringen – sowohl in der Kunst- und Geistesgeschichte, wie in Wieners sprachlichen und denkerischen Werk. Es soll nicht verschwiegen werden, dass Wiener es auch anders sah, als er die Fotos in einer Wiener Kunstgalerie ausstellte², so das Zitat in einem Text, den er zu dieser Schau verfasste:

»Ich beanspruche für diese Photographien keinerlei Kunst-Status. Wenn es über Anregungen zur räumlichen und zeitlichen Rekonstruktion einer anonymen Situation – die vielleicht schon als Existenzgrund ausreichen – hinausgehen soll, sind sie auf ein gewisses Interesse an meiner Person und an der meiner Frau gewesen. Ihr Status unbedarfter Schnappschüsse geht nicht auf eine Künstler-Pose zurück; die Unschärfen und die scheinbaren Ungeschicklichkeiten sind angemessen, da diese Bilder sehr viel nicht manipulierte Information enthalten und Diskretion erwünscht ist.«³

Oswald Wiener, aus der Mappe: »Bett-Nachtkastl-Kasten«, aus der Serie: »4./5. Oktober 2003 daheim«, 2003, C-Print, 30,3 x 44,8 cm, Courtesy CFA - Contemporary Fine Arts, Berlin

Diesem Widerspruch wird nachzugehen sein. Er ist aber auch symptomatisch für vieles, was Wiener in die Grenzbereiche seiner Interessen führte. Sein Misstrauen galt den Konstruktionen der Disziplinen und Felder wie der Literatur oder der Kunst, ebenso wie der Gesellschaft im Allgemeinen, der Wissenschaft oder der Philosophie. So symptomatisch eine solche Haltung für Wieners Denken ist, es durchzieht auch das Selbstverständnis vieler Protagonist:innen der Moderne, die sich in solche Extreme vorwagen. So können wir in Kurt Schwitters‘ »Merz Bau« (ca. 1923) wahrscheinlich ebenso einen vergleichbaren Versuch sehen, den Raum des Denkens sicht- und begreifbar zu machen, wie in Bruce Naumans »Mapping the Studio« (2001) als eine Reflexion schöpferischen Tuns, ebenso generiert aus einem Atelier an einem Ort des Rückzugs in einer landschaftlichen Wildnis. In diesem Sinne soll die Ausstellung der gesamten Fotografien dieses Ortes von einer Publikation begleitet werden, die dieses Bemühen in Wieners Denken kunst- und geisteswissenschaftlich verortet und neben dem Kurator auch wichtige geistige Weggefährten Wieners zu Wort kommen lassen soll. (Peter Pakesch, Lichtenberg, April 2022)

¹ Oswald Wiener, die verbesserung von mitteleuropa, roman, Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 1969
² Oswald Wiener, 4./5. Oktober 2003 daheim. Galerie Charim, Wien 2004, http://www.kunstnet.at/charim/04_05_12.html
³ Zitiert nach http://www.kunstnet.at/charim/04_05_12.html

In Kooperation mit CFA–Contemporary Fine Arts, Berlin