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Still Performing

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Florian Aschka & Larissa Kopp, Andy Kassier, Milena Wojhan

>12.06.–30.07.2026
Installationsansicht »Still Performing« © Andrew Phelps

Mit »Still Performing« zeigt der FOTOHOF drei künstlerische Positionen, in denen Performance und Fotografie eng miteinander verwoben sind. Während »still« auf das fotografische Einzelbild, den eingefrorenen Moment oder das filmische Standbild verweist, steht »still performing« zugleich für eine andauernde Handlung. Fotografie erscheint hier nicht bloß als Dokumentation von Kunstperformances, sondern als Momentaufnahme eines andauernden performativen Prozesses, in dem soziale Rollen und Identitäten sichtbar gemacht und verhandelt werden.
Aus theoretischer Perspektive ist Identität keine feste Eigenschaft, sondern etwas, das durch wiederholte körperliche, sprachliche und soziale Handlungen entsteht. Geschlecht, Zugehörigkeiten und damit verbundene Rollenbilder werden durch soziale und kulturelle Codes geprägt. Durch Mimik, Gesten, Posen oder Kleidung werden diese Codes kommuniziert und im Alltag performativ bestätigt. Diese performativen Handlungen stellen Identität dabei nicht nur dar, sondern bringen sie mit hervor. Gleichzeitig stehen diese Prozesse immer im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Normen und Fragen von Sichtbarkeit und Anpassung.
Vor diesem Hintergrund vereint die Ausstellung künstlerische Arbeiten von Florian Aschka & Larissa Kopp, Andy Kassier und Milena Wojhan, die durch Performance und Fotografie Identität in unterschiedlichen Kontexten untersuchen. Ihre Werke befragen tradierte Narrative und gesellschaftliche Rollenbilder ebenso wie Mechanismen medialer Sichtbarkeit und den Einfluss digitaler Bildwelten auf unsere Vorstellungen vom Selbst.
Es werden architektonische und landschaftliche Bühnen aufgesucht, Posen und Kostüme dekonstruiert, Masken aber auch Mittel wie Verfremdung und Wiederholung eingesetzt, durch die eine politische Haltung offenbart wird, die zum Diskurs anregt.

Andy Kassier

Andy Kassier verhandelt in seinen Arbeiten die performative Konstruktion von Erfolg, Männlichkeit und Authentizität. In seiner langfristig angelegten Performance entwickelt Kassier mit seiner Kunstfigur eine ironisch verfremdete Rolle, die gesellschaftliche Vorstellungen von Reichtum, Selbstoptimierung und sozialem Aufstieg parodiert. Unter dem Motto »Success is just a smile away« schafft Kassier Blockbuster-Fotografien wie »White Horse«, »Just Swinging« und »Mr. Getty« und veröffentlicht diese fortlaufend – auch auf Instagram. Darin inszeniert er sich als Geschäftsmann im maßgeschneiderten Anzug, im Pelzmantel auf den schneebedeckten Gipfeln des Stubaier Gletschers oder vor Luxusimmobilien. Orte wie das Raffles Hotel Singapore, das der Legende nach zu den Lieblingshotels von Michael Jackson zählte, oder die Getty Villa fungieren dabei als vorgefundene Bühnen einer globalen Erfolgskultur. Gleichzeitig verweisen die Inszenierungen auf deren Fassadenhaftigkeit und die Konstruktion gesellschaftlicher Vorstellungen von Luxus oder kulturellem Kapital.
Die fotografische Aufnahme bildet dabei nicht den Abschluss der Arbeit, sondern den Ausgangspunkt einer fortlaufenden Performance im realen Leben sowie im digitalen Raum. Durch das Hochladen und Zirkulieren der Bilder in sozialen Medien verdichten sich die einzelnen Fotografien zu einem fortlaufenden Narrativ. Instagram wird so selbst zum Teil der Arbeit und zur digitalen Bühne performativer Selbstkonstruktion. Zugleich überführt Kassier die Fotografien in luxuriöse Bildobjekte mit handpolierten Metallrahmen, die selbst Teil jener Repräsentationskultur werden, auf die seine Arbeiten Bezug nehmen.

Andy Kassier, »White Horse«, Kapstadt, 2017, Archival Inkjet Print, 200 × 150 cm, Courtesy Andy Kassier.

Florian Aschka & Larissa Kopp

Während Kassier digitale Räume als Bühne für Selbstinszenierung beleuchtet, eignen sich Florian Aschka & Larissa Kopp historische und institutionelle Räume für ihre queer-feministischen Fotoperformances an. Bei diesen handelt es sich um geplante performative Aktionen im öffentlichen oder institutionellen Raum, die eigens für das fotografische Bild inszeniert werden. Die Fotoperformance fungiert dabei als eine Art temporäre Pop-up-Aufführung für die Kamera. Im Zentrum stehen nicht einzelne Fotografien, sondern Bildsequenzen und Serien, in denen Performer:innen und  Bewegungsabläufe sichtbar gemacht und choreografische Elemente im fotografischen Bild nachvollziehbar werden. In »Queer Revolutionaries…?« werden repräsentative Orte wie das Prunkstiegenhaus der Neuen Burg oder das Kunsthistorische Museum Wien zu Schauplätzen ihrer Arbeit. In komponierten Gruppen- und Einzelporträts greifen sie die Bildsprache klassizistischer Revolutionsgemälde auf und zitieren deren Gesten des Aufbruchs und Widerstands. Die Performer:innen erscheinen in Friseurumhängen, Strähnenhauben und körpernahen Kostümen aus der Beauty- und Selbstoptimierungskultur, die an historische Kampfausrüstungen erinnern. Masken mit stereotypen heteronormativen Gesichtszügen verschmelzen mit den Körpern der Performer:innen zu genderhybriden Identitäten. Die Arbeit bewegt sich dabei zwischen Widerstand und Anpassung: Während sich die Figuren die repräsentativen Räume symbolisch aneignen, bleiben sie zugleich an gesellschaftliche Normen und Körperbilder gebunden. Die Fotografien thematisieren so die Ambivalenz queerer Sichtbarkeit und fragen nach den Möglichkeiten politischer Selbstinszenierung innerhalb bestehender Macht- und Repräsentationsordnungen.
In der Arbeit »Dirty God*esses/Freud and the secret cabinet« setzen sich Aschka & Kopp mit Sigmund Freuds Antikensammlung sowie den kulturellen und psychoanalytischen Narrativen auseinander, die mit ihr verbunden sind. Ausgangspunkt der Arbeit ist Freuds intensive Beschäftigung mit der griechischen Antike, deren Mythologien und archetypischen Bildern, die viele seiner psychoanalytischen Konzepte prägten. Gleichzeitig hinterfragt die Arbeit die patriarchalen und heteronormativen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität, die Freuds Theorien zugrunde liegen.
Die fotografischen Inszenierungen zeigen queere Körper vor antiken Schauplätzen, die mit ihren Kostümen verschmelzen. Die Oberflächen der Kostüme sind mit Fotografien archäologischer Fundstücke aus Freuds Sammlung sowie des Archäologischen Nationalmuseums Neapel, darunter phallische Amulette und Satyrn, bedruckt. Als körperliche Erweiterungen der Performer:innen verweisen diese Motive auf kulturelle Projektionen von Geschlecht und Sexualität sowie auf gesellschaftliche Verdrängungsmechanismen.
Die Kostüme sind zugleich Teil der Installation im Ausstellungsraum und können von Besucher:innen getragen werden. Dadurch erweitert sich die performative Inszenierung über das fotografische Bild hinaus in den Ausstellungsraum.

Florian Aschka & Larissa Kopp, o.T., aus der Serie »Queer Revolutionaries…?«, 2017, C-Print, 63,5 × 46,5 cm.

Milena Wojhan

Die Arbeiten von Milena Wojhan setzen sich ebenfalls mit kulturellen Projektionen und gesellschaftlichen Körperbildern auseinander. Durch Masken, Prothesen und performative Inszenierungen entstehen Körperbilder, die Möglichkeiten von Transformation und Selbstermächtigung bieten.
In der Arbeit »Lupa«, die in Zusammenarbeit mit der Maskenbildnerin Maxi Schwarzkopf entstanden ist, greift Wojhan den römischen Gründungsmythos von Romulus und Remus auf, die der Legende nach von einer Wölfin großgezogen wurden. Ausgangspunkt ist eine alternative Deutung des Mythos, nach der »Lupa« nicht die Wölfin, sondern eine Prostituierte bezeichnet. Durch die Verkörperung der Figur untersucht Wojhan, wie Weiblichkeit und kulturelle Narrative historisch überschrieben und gesellschaftlich codiert werden. Gleichzeitig verweist die Arbeit auf die Bedeutung queer-feministischer Perspektiven innerhalb kultureller und historischer Erzählungen, die lange Zeit vorwiegend patriarchal geprägt waren.
Mit Formen geschlechtlicher Zuschreibung und ungleicher Sichtbarkeit beschäftigen sich auch die Arbeiten »Artist Portrait (Approved)« und »The Haters«. Während in »Artist Portrait (Approved)« eine Penisprothese die Nase ersetzt und ironisch auf das historisch männlich geprägte Bild des Künstlers als Genie verweist, verschwindet in »The Haters« das Gesicht der Frau* hinter einer überdimensionierten Brustprothese. Individualität wird dabei von sexualisierten Körpermerkmalen überlagert und zum Gegenstand gesellschaftlicher Projektionen und Bewertungen.
In der Arbeit »I really, really love paradise« zeigt Wojhan Fotografien, die aus einer gleichnamigen Performance hervorgegangen sind. Die Bilder zeigen die Künstlerin mit einer grotesken Zombie-Maske, unter deren linkem Auge das Wort »tired« (müde) eingeschrieben ist. In einer begleitenden Bildreihe erscheint dieselbe Figur vor einem green screen frei fallend. Die Arbeit thematisiert künstlerische Selbstinszenierung ebenso wie emotionale Überforderung und Erschöpfung innerhalb prekärer Bedingungen kultureller Produktion. Die fotografischen Bilder sind eigenständige Fortsetzungen der unterschiedlichen Performances.
Die Verbindung von Performance und fotografischer Inszenierung verdichtet sich schließlich in der Performance »Too Much«, die ausschließlich zur Eröffnung stattfindet. Im Unterschied zu den fotografischen Arbeiten, in denen performative Handlungen in Bilder überführt werden, bringt »Too Much« die technischen und performativen Bedingungen der Fotografie selbst in den Raum der Live-Performance zurück. Das Kostüm entstand in Zusammenarbeit mit Elena Scheicher, die Special-Effect-Mechanik mit Josua Rappl.

Milena Wojhan, »I REALLY REALLY LOVE PARADISE«, München, 2025.
Kuratiert von Valentin Backhaus, Mateusz Dworczyk, Katrin Froschauer